Zermürbung auf Raten. Wenn Gerechtigkeit zur Geduldsprobe wird.
- Juliane Götze

- 14. Okt. 2025
- 5 Min. Lesezeit
Es ist inzwischen über ein Jahr her, dass ich mich entschieden habe, für Wahrheit und Gerechtigkeit einzustehen. Ich wusste damals, dass es kein leichter Weg werden würde. Was ich nicht wusste: wie zermürbend, langatmig und nervenaufreibend es sein kann, wenn sich Verfahren über Monate, vielleicht sogar Jahre, ziehen.
Wenn jeder Schritt nicht nur Geld kostet, sondern auch Zeit und vor allem Energie und immens viel Kraft. Und am Ende doch so wenig bewegt.

Ein Gerichtstermin, der keiner meiner war
In den letzten Wochen wurde mir das wieder besonders deutlich. Ich war beim Arbeitsgericht – zu einem Termin, der nicht meiner war, sondern der meines ehemaligen Vorgesetzten. Er hatte nach seiner fristlosen Kündigung Klage auf Kündigungsschutz eingereicht. Es geht in diesem Verfahren darum, ob diese Kündigung rechtmäßig war – und ob er am Ende vielleicht sogar noch eine Abfindung erhält.
Eine Frage also, die weit über juristische Feinheiten hinausreicht:
Stellt sich das Unternehmen auf seine Seite – oder auf meine?
Ich wollte verstehen, wie das Verfahren weitergeht. Wer von beiden Parteien nun für glaubwürdiger gehalten wird. Ich wollte sehen, ob sich etwas bewegt. Ob Wahrheit eine Chance hat.
Der Tag war für mich emotional extrem aufwühlend. Ich war angespannt, nervös, doch mein Puls war überraschend normal. Als ich den Gerichtssaal betrat, war mein ehemaliger Vorgesetzter bereits anwesend.
Er wich meinem Blick konsequent aus und sah mich kein einziges Mal an.
Ich saß im Zuhörerbereich – der Saal war klein, fast beklemmend – und wartete, da sich der Beginn der Verhandlung verzögerte.
Ich beobachtete, wie sich die Anwälte beider Seiten miteinander verständigten als in den Saal betrat. Offenbar hatte man mit meinem Erscheinen gerechnet. Es wirkte, als ob sich beide Seiten kurz zunickten, beinahe grinsend – nicht überrascht, nicht verunsichert.
Mein Ex-Chef blieb während der gesamten Zeit unbewegt, drehte sich nicht um, ging nicht einmal während der Wartezeit hinaus.
Als kurz nach Eröffnung der Verhandlung durch die Richterin alle Zuschauer gebeten wurden, den Saal zu verlassen, traf mich der Blick der HR-Direktorin mit einem spöttischen Lächeln. Kurz zuvor hatte die Richterin bekannt gegeben, dass die Verhandlung auf Antrag unter Ausschluss der Öffentlichkeit stattfinden würde. Angeblich, um intime Details zu schützen...
Der kalte Flur und ein eingeschaltetes Mikrofon
Ich stand also draußen, auf dem kalten, fast nackten Flur – weiße Wände und schummeriges Licht. Neben mir einige Anwesende, darunter Gerichtsreporterinnen und Journalisten. Wir kamen ins Gespräch, alle waren überrascht über den Ausschluss der Öffentlichkeit.
Dann passierte etwas, das die ohnehin merkwürdige Situation noch absurder machte: Das Mikrofon im Saal war offenbar nicht ausgeschaltet worden.
Wir konnten jedes Wort hören – bis eine Mitarbeiterin der Justiz hereinkam und die Richterin auf den Fehler hinwies.
Ein kurzer Moment unfreiwilliger Komik inmitten all der Anspannung.
In der Kleinen Runde regte sich etwas. So etwas hätte man in einem arbeitsgerichtlichen Verfahren noch nie erlebt: dass die Öffentlichkeit auf diese Weise und unter diesen Umständen ausgeschlossen wird. Nicht nur ich, sondern auch die anderen bekamen sofort das Gefühl, dass hier etwas nicht stimmt - und gezielt unter Verschluss gehalten werden sollte.
"Intime Details" - und die Frage, wer wirklich geschützt wird
Der Antrag auf Ausschluss der Öffentlichkeit war offenbar nicht von meinem ehemaligen Vorgesetzten gestellt worden, sondern, soweit mir bekannt, vom Arbeitgeber selbst. Die offizielle Begründung lautete: "intime Details". Doch diese angeblich intimen Details könnten, wenn überhaupt!, nur mich selbst betreffen - und nicht ihn.
Die Richterin nutzte schließlich eine "Krücke" im Arbeitsrecht, um die Öffentlichkeit ausschließen zu dürfen: nämlich die Umwandlung des Kammertermins in einen zweiten Gütetermin. Im Kontext der intimen Details paradox, dass sie sich darauf einließ.
Denn so entstand der Eindruck, dass hier in Wahrheit keine intimen Details, sondern ganz klar der Ruf des Unternehmens geschützt werden sollte. Dass man alles daran setzte zu verhindern, dass unangenehme Wahrheiten nach Außen dringen. Ein Mantel des Schweigens, nicht aus Fürsorge, sondern aus Angst vor Öffentlichkeit.

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