Wenn wir über digitale Gewalt sprechen – worüber sprechen wir dann nicht?
- Juliane Götze

- vor 2 Tagen
- 3 Min. Lesezeit
Als Collien Ulmen-Fernandes vor einiger Zeit das Thema digitale Gewalt öffentlich gemacht hat, ist etwas passiert, das ich gleichzeitig beeindruckend und irritierend fand.
Plötzlich war da Aufmerksamkeit. Echte Aufmerksamkeit. Medien haben berichtet, Menschen haben ihre Erfahrungen geteilt, es gab Solidarität, Diskussionen, sogar Demonstrationen. Ein Thema, das lange irgendwo zwischen „gehört halt dazu“ und „nicht so schlimm“ eingeordnet wurde, hat Raum bekommen. Sichtbarkeit. Gewicht.

Und während ich das alles verfolgt habe, saß ich da und habe gemerkt, wie sich ein ganz anderer Gedanke in mir festsetzt. Kein lauter, kein wütender – eher einer, der sich langsam nach oben arbeitet und den man irgendwann nicht mehr ignorieren kann:
Warum funktioniert das hier – und an anderer Stelle nicht?
Ich meine das nicht als Vergleich im Sinne von „wichtiger“ oder „weniger wichtig“. Digitale Gewalt ist real, sie verletzt, sie kann Menschen nachhaltig schaden. Aber sie ist sichtbar. Sie hinterlässt Spuren, die man zeigen kann. Screenshots. Kommentare. Verläufe. Etwas, das man teilen, dokumentieren, diskutieren kann.
Und dann gibt es diese andere Realität.
Die, in der nichts gespeichert ist.
In der es keinen Beweis in Form eines Screenshots gibt.
In der Aussagen im Raum stehen – und sonst erstmal nichts.
Ich lebe seit Monaten genau in dieser Realität.
Und das, was mich heute am meisten beschäftigt, ist gar nicht mehr nur das, was passiert ist. Es ist das Danach. Dieses leise, zähe Danach, das sich nicht spektakulär anfühlt und genau deshalb so schwer greifbar ist.
Es gibt Tage, an denen ich mich selbst kaum wiedererkenne, weil mir plötzlich die Energie fehlt, die ich eigentlich immer hatte. Konzentration wird anstrengend, Entscheidungen ziehen sich, selbst kleine Dinge kosten mehr Kraft, als sie sollten. Und gleichzeitig läuft das Leben weiter – Kinder, Termine, Verantwortung, alles ist da und will getragen werden.
Was nach außen oft wie Stabilität aussieht, fühlt sich innen manchmal einfach nur wie Durchhalten an.
Und dann kommt dieser zweite Layer, der fast noch schwerer wiegt: der eigene Anspruch.
Ich will stark sein. Ich will kämpfen. Ich will diesen Weg gehen, auch juristisch, auch öffentlich – nicht nur für mich, sondern weil ich überzeugt bin, dass sich etwas verändern muss.
Aber genau dieser Weg verlangt Kraft. Klarheit. Standfestigkeit.
Und es gibt Momente, in denen genau das fehlt. Nicht, weil ich aufgebe. Sondern weil Trauma nicht linear funktioniert. Weil es sich nicht an Termine hält, nicht an Schriftsätze, nicht an das, was gerade „gebraucht“ wird.
Ich glaube, das ist etwas, das in der öffentlichen Diskussion kaum vorkommt: Dass Stärke und Erschöpfung gleichzeitig existieren können. Dass jemand kämpfen kann – und sich trotzdem zwischendurch klein fühlt. Nicht im Sinne von schwach, sondern im Sinne von ausgelaugt.
Und dann ist da noch ein weiterer Aspekt, der mich in den letzten Monaten immer wieder beschäftigt hat.
Ich darf meinen Fall nicht frei erzählen. Auch die Presse darf das nicht.
Nicht im Detail, nicht mit Namen, nicht so, wie er passiert ist. Laufende Verfahren. Juristische Grenzen.
All das hat seine Berechtigung, und ich stelle das nicht grundsätzlich in Frage. Aber es erzeugt etwas, das ich vorher so nicht verstanden habe: eine Form von Stille, die nicht daraus entsteht, dass nichts passiert ist – sondern daraus, dass man nicht darüber sprechen darf.
Während also an anderen Stellen laut diskutiert wird, sichtbar, nachvollziehbar, bleibt hier vieles unausgesprochen. Und diese Leerstelle ist schwer auszuhalten, weil sie nach außen fast so wirkt, als gäbe es nichts zu erzählen.
Dabei ist das Gegenteil der Fall.
Vielleicht liegt genau darin ein Teil des Problems. Dass wir als Gesellschaft sehr gut darin geworden sind, auf das zu reagieren, was sichtbar ist. Was sich zeigen lässt, was sich teilen lässt, was Reichweite bekommt. Und dass wir gleichzeitig kaum Räume haben für das, was sich nicht so einfach darstellen lässt – obwohl es genauso real ist.
Ich schreibe diesen Text nicht, um etwas gegeneinander auszuspielen. Im Gegenteil. Ich finde es wichtig, dass Menschen wie Collien Fernandes ihre Stimme nutzen und Themen sichtbar machen, die lange ignoriert wurden.
Aber ich glaube, wir müssen anfangen, die Lücken dazwischen zu sehen.
Die Geschichten, die nicht erzählt werden können.
Die Verläufe, die nicht dokumentiert sind.
Die Realität, die sich nicht in Posts übersetzen lässt.
Ich schreibe trotzdem. Nicht, weil ich alles sagen darf – sondern obwohl ich es nicht kann.
Ich habe in den letzten Monaten oft aufgehört zu schreiben. Nicht aus Mangel an Gedanken, sondern weil sich vieles zu schwer angefühlt hat, zu nah, zu unfertig. Schreiben ist für mich kein Abstand, sondern ein Eintauchen – und dafür hat mir lange die Kraft gefehlt.
Aber ich merke, dass sich etwas verändert. Ich schreibe wieder.
An meinem Buch. Langsam, vorsichtig vielleicht, aber mit einer Klarheit, die ich lange nicht gespürt habe. Und auch wenn ich nicht weiß, wohin mich dieser Weg genau führt, fühlt es sich zum ersten Mal seit langer Zeit wieder richtig an...

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