Wenn selbst Aufstehen zu viel ist (oder: Wie der Körper zurück ins Leben findet)
- Juliane Götze

- vor 3 Tagen
- 4 Min. Lesezeit
Neulich habe ich mit einer KI über mein Buch gesprochen.
Über Trauma. Über Erschöpfung. Über das Gefühl, manchmal kaum noch Kraft für den eigenen Alltag zu haben. Und plötzlich stoppte das System die Unterhaltung, fragte vorsichtig nach meinem Befinden und blendete sogenannte Safety-Mitteilungen ein: Telefonnummern für Hilfsangebote, Hinweise auf psychologische Unterstützung und die Frage, ob es mir gerade wirklich gut gehe.

Vor zwei Jahren hätte es das vermutlich noch nicht getan.
Ich saß einen Moment davor und dachte: Wie verrückt ist das eigentlich?
Dass inzwischen sogar Maschinen darauf trainiert werden, emotionale Überforderung zu erkennen, weil sie ihr ständig begegnen. Weil so viele Menschen erschöpft sind. Müde. Innerlich leer. Funktionierend und gleichzeitig längst überlastet...
Vielleicht zeigt genau das etwas, worüber viel zu wenig gesprochen wird: Dass nicht jeder Zusammenbruch dramatisch aussieht.
Manchmal beginnt er leise.
In diesen Morgenstunden, in denen man wach wird und schon vor dem Aufstehen spürt, wie schwer der eigene Körper ist. Wenn der Gedanke an den Tag nicht nach Leben klingt, sondern nach Anstrengung. Wenn selbst kleine Dinge plötzlich Kraft kosten, die früher selbstverständlich waren.
Ich kenne solche Momente.
Und ich habe irgendwann verstanden, dass man sich aus solchen Zuständen selten „herausdenkt“. Der Weg zurück beginnt oft viel leiser, viel körperlicher und viel menschlicher, als man zunächst glaubt.
Was mir geholfen hat, waren keine perfekten Lösungen. Es waren eher kleine Dinge, die meinen Körper langsam wieder daran erinnert haben, dass ich noch da bin:
Bewegung, bevor der Kopf wieder mitkommt
Was mir in diesen Phasen fast immer geholfen hat, war Bewegung. Nicht leistungsorientierter Sport, nicht Selbstoptimierung und auch kein „Du musst jetzt stark sein“, sondern etwas viel Einfacheres: gehen. Schritte. Rhythmus. Bewegung.
Heute weiß ich, dass monotone Bewegungen tatsächlich regulierend auf unser Nervensystem wirken können. Dieses gleichmäßige Rechts-links beim Gehen oder Laufen beruhigt den Körper. Manche sprechen von bilateraler Stimulation oder körperorientierter Selbstregulation. Damals kannte ich diese Begriffe nicht.
Ich wusste nur, dass die Schwere größer wurde, sobald ich liegen blieb, während draußen das Leben weiterlief. Also bin ich irgendwann losgelaufen. Nicht besonders schnell und oft auch nicht motiviert, sondern einfach deshalb, weil irgendwo tief in mir noch dieser kleine Instinkt da war, dass Bewegung vielleicht etwas in Gang bringen könnte, das innerlich feststeckte.
Manchmal bin ich mit Musik gelaufen. Manchmal in völliger Stille. Und manchmal liefen mir dabei einfach die Tränen übers Gesicht, ohne dass ich sie wirklich aufhalten wollte.
Aber fast nie kam ich genauso zurück, wie ich losgegangen war.
Warum Pilates für mich mehr war als Sport
Was mir ebenfalls unglaublich geholfen hat, waren feste Termine für Bewegung. Verabredungen mit mir selbst, die nicht davon abhingen, wie motiviert ich mich gerade fühlte. Für mich wurde das Pilates.
Vielleicht gerade deshalb, weil Pilates kein Sport ist, bei dem man komplett aus sich fliehen kann. Man spürt sich. Den Atem. Die Spannung im eigenen Körper. Die eigene Mitte. Und manchmal auch die innere Erschöpfung, die man im Alltag so lange wegfunktioniert hat.
Ich habe oft während des Cool-downs geweint. Nicht dieses zerstörerische, hoffnungslose Weinen, sondern eher ein stilles Lösen. Fast so, als würde der Körper Dinge loslassen, für die der Kopf noch gar keine Worte gefunden hatte.
Ich war danach nicht plötzlich geheilt oder euphorisch. Aber leichter. Ruhiger. Mehr bei mir.
Ich glaube, viele Menschen unterschätzen, wie viel Kraft im Körper steckt, wenn der Kopf längst nicht mehr weiterweiß.
Tiere urteilen nicht
Was mir wahrscheinlich mehr geholfen hat, als ich jemals erwartet hätte, war: unsere Hündin.
Seit sie da ist, bin ich eigentlich nie mehr wirklich allein. Sie liegt neben mir im Homeoffice, folgt mir durch den Alltag, sitzt morgens vor dem Bett und schaut mich mit diesen wachen, treuen Augen an, lange bevor ich selbst bereit bin für den Tag.
Vielleicht liegt genau darin etwas unglaublich Heilsames.
Das Schöne an Tieren ist, dass sie keine Erklärung brauchen. Ein Hund interessiert sich nicht dafür, ob du heute produktiv warst, ob du „funktionierst“ oder ob du deine Gefühle perfekt formulieren kannst. Er legt sich einfach neben dich und bleibt da. Diese Nähe beruhigt.
Streicheln beruhigt. Die Atmung wird ruhiger. Der Körper entspannt sich langsam wieder.
Und manchmal entsteht genau in dieser wortlosen Nähe etwas, das viele Menschen verloren haben: ein Gefühl von Sicherheit.
Nicht jedes Gespräch muss tief sein
Was ebenfalls hilft, sind Gespräche. Interessanterweise oft gar nicht die ganz tiefen.
Natürlich gibt es Momente, in denen es wichtig ist, über Trauma, Angst oder Erschöpfung zu sprechen. Aber manchmal tut etwas anderes fast genauso gut: ein normales Gespräch.
Über irgendeinen völligen Unsinn. Über Wein. Über Hunde. Über das Wetter. Über eine Serie. Über andere Menschen.
Ein kurzer Moment, in dem sich das eigene Leben wieder normal anfühlt und sich nicht alles nur noch um Schmerz dreht. Auch das kann Regulation sein. Vielleicht, weil man in solchen Momenten für einen Augenblick wieder Verbindung spürt, zu anderen Menschen, aber auch zu sich selbst.
Heilung beginnt manchmal unspektakulär
Ich schreibe das nicht, weil ich die Lösung gefunden hätte. Und auch nicht, weil Bewegung, Tiere oder Pilates Therapie ersetzen könnten. Aber ich glaube inzwischen, dass Heilung oft viel unspektakulärer beginnt, als wir denken.
Nicht mit einem großen Wendepunkt. Nicht mit einem einzigen Gespräch.
Sondern manchmal einfach damit, dass man trotzdem aufsteht.
Dass man duscht. Eine Runde läuft. Frische Luft einatmet. Einen Termin nicht absagt. Mit jemandem spricht. Einen Hund streichelt. Oder den eigenen Körper langsam wieder daran erinnert, dass Sicherheit überhaupt noch existiert.
Und vielleicht ist genau das etwas, das wir in einer Welt voller Dauerfunktionieren wieder lernen müssen: Dass Heilung nicht immer laut aussieht. Manchmal beginnt sie ganz leise.
Mit einem einzigen Schritt aus dem Bett zurück ins Leben, mit vielen kleinen oder großen Schritten beim Laufen (unterbrochen von vielen langen "hiiiiiierher, feeiiiiiiin, gut gemacht" falls man einen Hund hat ;-)) und mit der Core-Atmung beim Pilates.
Mit kleinen Augenblicken von Ruhe, Nähe und Bewegung, die dem eigenen Nervensystem irgendwann vorsichtig zuflüstern: Du bist wieder sicher.
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