Manche Dinge kann man einfach nicht abhaken.
- Juliane Götze

- vor 3 Tagen
- 4 Min. Lesezeit
Es gibt Freundschaften, die keine permanente Nähe brauchen. Keine täglichen Nachrichten, keine ständigen Treffen und kein künstliches „Wir müssen unbedingt mal wieder“, weil man sich ohnehin sicher ist, dass sofort wieder alles da sein wird, sobald man sich gegenübersitzt. Genau so ein Abend war gestern.
After Work. Ein Glas Wein. Zwei Frauen, die mich schon sehr lange kennen und die nicht nur die funktionierende Version von mir erlebt haben, sondern auch die, die irgendwann einfach nicht mehr konnte. Nicht mehr kämpfen wollte. Nicht mehr erklären wollte. Und vor allem nicht mehr jeden Morgen aufstehen wollte mit dem Gefühl, innerlich schon vor dem ersten Kaffee erschöpft zu sein.

Wir sprachen über meine Webseite, über Instagram, über die Dinge, die ich inzwischen öffentlich teile. Über Haltung. Über Macht. Über das, was hinter all dem eigentlich steckt. Irgendwann sah mich meine Freundin an und fragte ganz ruhig:
„Warum machst du das eigentlich noch, Juli? Ich dachte, du hattest einen Haken daran gesetzt.“
Und sofort wusste ich, welches Gespräch sie meinte.
Es war einer dieser Abende im letzten Jahr, an denen ich völlig leer war. Nicht dramatisch leer. Sondern still leer. Diese Art von Müdigkeit, die nicht durch Schlaf verschwindet, weil sie viel tiefer sitzt. Ich saß damals bei ihnen auf dem Sofa und war überzeugt davon, dass ich einfach nur noch nach vorne schauen wollte. Dass ich aufhören wollte, alles ständig zu analysieren, zu hinterfragen und innerlich erneut durchzuspielen. Ich wollte nicht mehr kämpfen. Nicht mehr stark sein müssen. Ich wollte einfach nur wieder leben.
Und ich erinnere mich noch genau daran, wie ich sagte:
„Ich hake das jetzt ab. Wirklich.“
Heute weiß ich, dass ich damals eigentlich etwas völlig anderes meinte. Ich meinte nicht, dass es verarbeitet ist. Nicht, dass es vorbei ist. Und schon gar nicht, dass die Wunden verschwunden wären. Ich meinte lediglich, dass ich akzeptieren musste, dass es passiert ist. Dass es kein Zurück mehr gibt zu der Frau, die ich vorher einmal war.
Denn die Wahrheit ist: Manche Dinge kann man nicht einfach abhaken. Nicht sexuelle Belästigung. Nicht Machtmissbrauch. Nicht Situationen, in denen Grenzen über Monate oder Jahre verschoben werden, bis man irgendwann selbst nicht mehr genau weiß, wann sich etwas eigentlich falsch angefühlt hat. Vor allem dann nicht, wenn man ein Mensch ist, der gelernt hat zu funktionieren. Sich anzupassen. Harmonie zu bewahren. Es allen recht zu machen.
Heute weiß ich, dass es für vieles davon sogar Begriffe gibt. Fawning. People Pleasing. Traumareaktionen, bei denen Menschen nicht kämpfen oder fliehen, sondern versuchen, Situationen durch Anpassung zu kontrollieren. Freundlich bleiben. Verständnis zeigen. Mittragen. Relativieren.
Und vielleicht liegt genau darin auch einer der gefährlichsten Aspekte von Machtmissbrauch, weil Betroffene häufig selbst irgendwann anfangen zu glauben, sie hätten die Situation doch irgendwie mitgetragen. Weil sie ja weiter funktioniert haben. Weiter gearbeitet haben. Weiter freundlich waren. Weiter mitgelacht haben.
Ich habe lange gebraucht, um zu verstehen, dass Funktionieren nicht dasselbe ist wie Einverständnis.
Dass Stärke nicht bedeutet, unverletzt zu sein.
Und dass Heilung kein sauberer, linearer Prozess ist, sondern eher ein ständiges Pendeln zwischen Verdrängen, Verstehen, Zusammenbrechen und wieder Aufstehen.
Vielleicht schreibe ich deshalb auch weiter an meinem Buch. Obwohl es weh tut. Obwohl ich mir damit vieles immer wieder selbst vor Augen halte. Obwohl ich beim Schreiben manchmal merke, wie tief bestimmte Erinnerungen noch immer sitzen. Aber genau darin liegt vermutlich auch Wahrheit: Dinge sichtbar zu machen, die sonst so oft unsichtbar bleiben. Dynamiken aufzuschreiben, die gesellschaftlich immer noch verharmlost werden. Worte zu finden für Situationen, die viele Frauen erlebt haben und trotzdem oft nicht einmal richtig benennen können.
Pilates hat mir auf diesem Weg tatsächlich geholfen. Nicht als Wunderheilung, sondern als etwas viel Einfacheres und Ehrlicheres: Es hat mich zurück in meinen Körper gebracht. Zurück in meine Mitte. Zu dem Gefühl, wieder Kontrolle über mich selbst zu haben, nachdem ich mich emotional so lange fremdbestimmt gefühlt habe.
Und trotzdem bleibt da ein Schmerz, von dem ich inzwischen glaube, dass er nie ganz verschwinden wird. Vielleicht wird er leiser. Vielleicht wird man besser darin, mit ihm zu leben. Aber manche Erfahrungen hinterlassen Spuren, die nicht einfach verschwinden, nur weil genug Zeit vergangen ist.
Gestern habe ich meine Freundin angesehen und gesagt:
„Elisa, ich habe inzwischen fast 40.000 Euro verloren. Für Anwälte. Für Verfahren. Für Aufarbeitung. Ich führe vier laufende Verfahren. Ich kann nicht einfach einen Haken daran setzen.“
Dann habe ich versucht, die Schwere mit Humor aufzufangen und gesagt:
„Ich hätte mir von dem Geld inzwischen wahrscheinlich fünf Designerhandtaschen kaufen können.“
Wir mussten beide lachen. Aber eigentlich war es gar nicht lustig.
Sie sah mich einfach nur an. Lange. Ernst. Verständig. Dann nahm sie mich in den Arm und wir stießen darauf an, dass es sich manchmal eben doch lohnt zu kämpfen. Für Gerechtigkeit. Für Würde. Für Wahrheit. Und vielleicht auch dafür, dass unsere Kinder irgendwann in einer Welt leben, in der Menschen genauer hinschauen. Früher reagieren. Grenzen ernster nehmen. Und Betroffene nicht erst dann verstehen, wenn alles bereits eskaliert ist.
Vielleicht ist genau das am Ende der Unterschied zwischen „nicht loslassen können“ und Haltung.
Denn manche Kämpfe führt man irgendwann nicht mehr nur für sich selbst.
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Neugierig? Verfolge hier mein Buchprojekt.



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