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Fawning – Wenn Anpassung zur Überlebensstrategie wird

  • Autorenbild: Juliane Götze
    Juliane Götze
  • 24. Mai 2025
  • 4 Min. Lesezeit

Aktualisiert: 25. Aug. 2025

…und warum wir aufhören müssen, Opfer zu Täter:innen zu machen


Es gibt ein Verhalten, das viele von uns instinktiv kennen – und doch selten beim Namen nennen. Ein Muster, das auf den ersten Blick wie Kooperationsbereitschaft, Freundlichkeit oder Teamgeist wirkt. In Wahrheit ist es oft ein stiller Schrei. Eine Schutzreaktion. Ein Versuch, heil durch eine Situation zu kommen, die uns zu zerbrechen droht.

 

Dieses Verhalten nennt sich: Fawning.

Was ist Fawning?

 

„Fawning“ ist ein Begriff aus der Psychotraumatologie. Er beschreibt eine Stressreaktion - ähnlich wie Kampf (Fight), Flucht (Flight) oder Erstarrung (Freeze). Nur dass wir es hier mit einer vierten Reaktion zu tun haben:

  • Überanpassung.

  • Beschwichtigung.

  • Zustimmung um jeden Preis.

 

Menschen im Fawning-Modus sagen „Ja“, obwohl sie „Nein“ fühlen. Sie lächeln, während ihnen innerlich alles entgleitet. Sie versuchen, es allen recht zu machen - weil sie gelernt haben, dass Widerspruch gefährlich ist.

 

Dieses Verhalten ist nicht manipulativ oder kalkuliert. Es ist nicht freiwillig. Es ist ein Überlebensmechanismus – häufig entwickelt von Menschen, deren Grenzen wiederholt verletzt wurden. Die früh lernen mussten, dass Widerstand nicht nur zwecklos, sondern riskant sein kann.

 

 

Warum betrifft das so viele Frauen?

 

Weil vielen Mädchen schon früh beigebracht wird, sich anzupassen.

Weil wir sie dafür loben, „brav“ zu sein.

Weil wir Bescheidenheit zur Tugend erheben und Konfliktvermeidung zur Bedingung für Zugehörigkeit machen.

 

In der Berufswelt trifft dieses Verhalten auf Strukturen, die es nicht nur dulden, sondern oft belohnen: Angepasstheit gilt als Stärke, insbesondere bei Frauen. Wer sich fügt, fällt nicht negativ auf. Wer schweigt, stört den Betriebsfrieden nicht. Und wer loyal bleibt, auch wenn es wehtut, wird als belastbar angesehen.

 

Aber genau hier beginnt das Problem!


 

Der Beginn einer gefährlichen Dynamik

 

Ich war ehrgeizig, belastbar, lösungsorientiert – und, wie ich heute weiß, viel zu loyal. Ich wollte dazugehören. Mitgestalten. Wirklich etwas bewegen. Und ich dachte, das sei auch im Sinne meines Arbeitgebers.

 

Ein damaliger Vorgesetzter schien genau diese Haltung zu schätzen - zumindest nach Außen. Doch über die Zeit entstand eine Beziehung, die alles andere als professionell war.

Zwischen Komplimenten und subtilen Abwertungen, zwischen Nähe und plötzlichem Rückzug, verlor ich mein Gefühl für Grenzen. Es war ein emotionales Tauziehen, das mich immer mehr zermürbte.

 

Ich wollte nicht „kompliziert“ wirken. Ich wollte funktionieren. Und ich redete mir ein, die Kontrolle zu behalten.

 

 

Die Nacht, die alles veränderte

 

Es war eine Geschäftsreise in Frankreich, ein gemeinsames Abendessen mit einem Geschäftspartner, eines von so vielen. Der Vorgesetzte - derselbe, der zuvor Nähe suggeriert hatte - distanzierte sich an diesem Abend. Er machte sich über mich lustig. Flirtete provokant mit anderen. Und schließlich ließ er mich mit dem Geschäftspartner alleine.

 

Was in dieser Nacht geschah, lässt sich nicht in wenigen Worten beschreiben. Ich wurde Opfer eines schweren Übergriffs - betäubt, entwürdigt, verletzt. Es war eine Situation, die nie hätte entstehen dürfen.

 

Ich bin überzeugt: Es gab Vorkenntnisse. Warnsignale.

Und es wurde nicht aus Unachtsamkeit weggesehen – sondern aus Kalkül.



Was Verantwortung wirklich bedeutet

 

Warum ich mich nicht früher gewehrt habe?

Warum ich nicht laut geworden bin?

 

Weil ich in einem Umfeld arbeitete, das Widerspruch sanktionierte. Weil ich gelernt hatte, dass „Nein“ gefährlich ist. Weil ich konditioniert war, mich selbst zurückzustellen - aus Angst vor den Konsequenzen.

 

Ich war nicht naiv. Und ich war nicht schwach.

Aber ich war allein - in einem System, das weggeschaut hat.

 

Ein System, in dem ein Vorgesetzter eine Fürsorgepflicht hatte - und dieser nicht nachkam.

Ein System, in dem unter dem Deckmantel der Professionalität Macht ausgeübt wurde. Und in dem die, die aufstehen, zu Problemträgerinnen gemacht werden.

 

 

Fawning ist keine Schwäche

 

Fawning bedeutet nicht: Ich wollte das.

Es bedeutet: Ich hatte keine andere Wahl, die sich sicher anfühlte.

 

In einer Arbeitswelt, die Opfer fragt, warum sie nicht früher aufgestanden sind - statt die Strukturen zu hinterfragen, die sie zum Schweigen gebracht haben - wird Fawning zur Falle.

 

Es ist höchste Zeit, umzudenken.

 

 

Und heute?

 

Ich will nicht mehr Teil eines Systems sein, das Leistung über Menschlichkeit stellt.

Ich will kein Business mehr ohne Haltung machen. Die Umstände habe mich mental ausgezehrt, ich habe gekündigt um der toxischen Falle zu entkommen - um wieder zu mir selbst zu finden. Mittlerweile investiere ich Zeit und Ressourcen, um aufzuarbeiten, zu verstehen - und weiterzugeben. Nicht um zu spalten, sondern um sichtbar zu machen, was zu lange im Verborgenen blieb.

 

 

Wenn Du Dich in diesem Text wiederfindest – in der Anpassung, im Schweigen, in der Unsicherheit – dann möchte ich Dir sagen: Du bist nicht allein.

 

📘 „Systemfehler Frau“ – mein Buchprojekt erzählt meine persönliche Geschichte und zeigt zugleich, wie systemisch Frauen im Beruf zum Problem erklärt werden können. Es wird ein Buch über Macht, Schuld und den Mut, sich nicht länger selbst zu verraten.

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🛡️Hinweis: Einzelne geschilderte Sachverhalte befinden sich in strafrechtlicher Aufarbeitung oder werden in arbeitsrechtlichen Verfahren geklärt. Aus Gründen des Persönlichkeitsschutzes wurden Namen, Orte und Kontexte anonymisiert oder verändert. In meinem Blog beschreibe ich meine persönliche Sicht der Dinge und meine Wahrnehmung.

 

 

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