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Warum ich heute anders arbeite – und was ich über Leistung, Vertrauen und echte Freiheit gelernt habe

  • Autorenbild: Juliane Götze
    Juliane Götze
  • 18. Apr.
  • 4 Min. Lesezeit

Ich bin in einem Familienbetrieb aufgewachsen. Nicht als romantische Idee, sondern ganz konkret: mehrere Generationen unter einem Dach, meine Eltern und meine Großeltern gemeinsam im Weingut, Arbeit und Leben untrennbar miteinander verbunden.


Das hatte eine ganz eigene Qualität. Es war immer jemand da, der aufgefangen hat, wenn der Alltag voller wurde. Meine Großeltern, die selbstverständlich eingesprungen sind, meine Mutter, die sich beruflich einbringen konnte und gleichzeitig präsent war. Für uns Kinder fühlte sich das nicht organisiert an, sondern einfach richtig.



Natürlich gab es auch Reibung.


Wo Menschen eng zusammenarbeiten, entstehen Spannungen, gerade über Generationen hinweg. Aber es gab etwas, das vieles getragen hat: Klarheit. Jeder wusste, wofür er verantwortlich war. Aufgaben waren nicht nur verteilt, sie waren auch wirklich gemeint. Diese Struktur hat nicht alle Konflikte verhindert, aber sie hat ihnen den Raum genommen, sich unnötig auszudehnen.


Ich habe diese Zeit geliebt. Die Weinproben, die Veranstaltungen, das Leben rund um das Weingut... Aber auch die Arbeit draußen, in den Weinbergen, dieses unmittelbare, körperliche Tun. Es hatte etwas Erdendes, etwas Echtes. Und ja, manchmal war das alles deutlich spannender als Schule ;-).


Trotzdem habe ich mich später zunächst genau deshalb so stark in die andere Richtung bewegt.


In meiner letzten Festanstellung ging es für mich lange um Leistung, um Entwicklung, um den nächsten Schritt. Ich wollte Verantwortung übernehmen, sichtbar sein, mich beweisen. Und ich war bereit, viel dafür zu geben. Zeit, Energie, Präsenz.


Ich hatte auch Freiheiten, auf dem Papier und auch in der Realität. Flexible Arbeitszeiten, dank Covid eine zeitlang auch einen hohen Anteil an Remote-Arbeit. Trotzdem war ich aufgrund meines Jobprofils viel unterwegs, auf Dienstreisen, für das Unternehmen. Das Familienmanagement musste ich deswegen delegieren, wir hatten Au-Pairs und verschiedene Babysitter-Konzepte. Meine Kinder erlebten mich häufig "busy". Denn innerlich war ich kaum wirklich frei. Ich war immer erreichbar, verfügbar, gedanklich ständig im nächsten Thema. Dieses „immer online sein“ hat sich nicht wie Zwang angefühlt, sondern wie eine Voraussetzung.


Verstärkt wurde das durch klare Botschaften von Außen. Mir wurde gesagt, dass echte Karriere Präsenz braucht. Dass man abends im Büro ist, wenn man es ernst meint. Dass man nicht um 16 Uhr geht, um Zeit mit der Familie zu verbringen, wenn man wirklich vorankommen will.


Was mich rückblickend fast mehr beschäftigt als diese Aussage selbst, ist, wer sie damals getroffen hat.


Sie kam nämlich von einer Führungskraft, der diese Regeln für sich selbst nie gelten ließ. Der selten wirklich präsent war, der private Themen und Projekte parallel verfolgte, leise, im Hintergrund, ohne dass es je infrage gestellt wurde. Für mich hingegen war klar, dass ich mich entscheiden müsse. Zwischen Anspruch und Familie. Zwischen Sichtbarkeit und Flexibilität.


Vielleicht war es genau dieser Widerspruch, der in mir den Wunsch noch verstärkt hat, mich zu beweisen. Noch mehr zu leisten. Noch weniger Raum für mich selbst zu lassen.


Lange hat das funktioniert.


Bis zu dem Moment, in dem es nicht mehr gereicht hat.


Die Erfahrungen, die ich gerade in 2024 gemacht habe, aber auch schon zuvor, haben etwas verschoben. Nicht laut, sondern sehr grundlegend. Sie haben mir gezeigt, wie schnell sich der Wert von Leistung relativiert, wenn man nicht mehr in das System passt. Wenn man Dinge ausspricht, die nicht gehört werden wollen. Wenn man sich weigert, mitzutragen, was sich falsch anfühlt.


Plötzlich ist nicht mehr entscheidend, was man aufgebaut hat, sondern ob man noch funktioniert.


Und das verändert alles.


Heute arbeite ich gemeinsam mit meinem Mann. Und wenn ich ehrlich bin, hätte ich diesen Schritt noch vor einem Jahr vermutlich nicht gewagt. Zu groß war die Sorge, mich in eine neue Form von Abhängigkeit zu begeben. Zu präsent die Erfahrung, wie fragil vermeintliche Sicherheit sein kann.


Was den Unterschied macht, ist Vertrauen.


Mein Mann hat mich in einer Phase erlebt, in der ich selbst nicht stabil war. Er hat Dinge übernommen, mich getragen, mir Raum gegeben, ohne Erwartungen daran zu knüpfen. Und er hat nie aufgehört, an mich zu glauben, auch dann nicht, als ich es selbst zeitweise nicht mehr konnte.


Aus dieser Erfahrung heraus fühlt sich Zusammenarbeit heute anders an. Klarer. Bewusster. Weniger geprägt von Kontrolle, mehr von einem gemeinsamen Verständnis.


Wir haben unsere Rollen im Unternehmen klar definiert, nicht als theoretisches Konstrukt, sondern als gelebte Praxis. Jeder weiß, wofür er verantwortlich ist, und genau darin liegt eine große Ruhe. Gleichzeitig lernen wir, Räume zu schützen, in denen es nicht um Arbeit geht. Um Familie, um uns, um das, was jenseits von Aufgaben existiert.


Das gelingt nicht immer perfekt. Aber es gelingt immer besser.


Und es fühlt sich richtig an. Richtig gut sogar!


Was sich für mich vielleicht am stärksten verändert hat, ist mein Verständnis von Freiheit. Früher war Freiheit für mich die Möglichkeit, auch als Mutter viel zu leisten. Heute bedeutet sie, selbst entscheiden zu können, wie ich meine Zeit einsetze. Für meine Arbeit, für meine Kinder, unseren Hund, für unseren Alltag.


Für mich ist das kein Kompromiss. Es ist Qualität.


Auch meine Pilates-Ausbildung ist Teil davon. Sie hat mir noch einmal auf einer ganz anderen Ebene gezeigt, was Stabilität bedeutet. Nicht als Konzept, sondern körperlich spürbar. Kraft, die nicht aus Anspannung entsteht, sondern aus Verbindung.


Dass mein Mann diesen Weg von Anfang an unterstützt hat, ist kein Detail. Es ist ein Teil des Ganzen.


Vielleicht ist genau das der Punkt, an dem sich etwas wirklich verändert hat: Dass ich heute nicht mehr versuche, mich an ein System anzupassen, das nicht zu mir passt.


Sondern bewusst mitgestalte, in welchem System ich arbeiten und leben möchte.



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